Burgenforum

Des Kaisers neue Kleider in Waidhofen an der Ybbs
martin - 11-2-2007 um 20:15

Landesausstellungen haben in Österreich schon des öfteren als Anlass gedient historische Gebäude auf eine Art zu entstellen, die ohne diesen hochoffiziellen Anlass wohl nur zu einem amüsierten Kopfschütteln bei den zuständigen Stellen geführt hätte. Nach dem Fürstenhof in Friesach, dem Mautturm in Winklern ist diesmal Schloss Rothschild bzw. die Burg von Waidhofen an der Ybbs dran.
Während bei den beiden erstgenannten Bauten die zweite und dritte Liga der österreichischen Architektur den historischen Bauwerken ihren Geschmack aufzwingen durfte, ist in Waidhofen DER Star der österreichischen Architekturszene, Hans Hollein am Werk.
Da traut sich keiner mehr zu sagen, dass das Resultat irgendwie scheußlich oder zumindest seltsam ist.
Der mächtigen Bergfried war offensichtlich zu klein und musste durch ein hochkant gestelltes Aquarium verbessert werden. Der Südostturm bekommt ein Glasdach, der gegen den Fluß vorspringende Söller wird ebenfalls mit einem Glaskubus verhübscht.
Bleibt zu hoffen, dass Waidhofen nicht dasselbe Schicksal ereilt wie Friesach und Winklern : Nach einem halben Jahr ist die Landesausstellung wieder vorbei, das historische Gebäude , das die ersten 500 Jahre seiner Geschichte einigermaßen unversehrt überstanden hat, ist aber immer noch entstellt.
Das BDA stimmte dem Vorhaben zu, so richtig wohl war ihm dabei aber sichtlich nicht: Siehe Stellungnahme des BDA:
Man tröstet sich damit. daß die Konvention von Venedig eingehalten wurde : Die Zubauten sich auch für einen Blinden als solche erkennbar, und man kann die 4 Mio teuren Umbauten wenigstens wieder rückstandslos entfernen.


Hier zuerst ein "Vorher" Foto der Burg des Bischofs von Freising aus dem 14. Jahrhundert, die Ende 19. Jh. durch Friedrich von Schmidt umgebaut wurde.


martin - 11-2-2007 um 20:17

und hier ein Foto, der Bauarbeiten..


martin - 11-2-2007 um 20:18

und weils so schön ist, ein Detail des "Glaskubus"


greenspirit - 11-2-2007 um 22:34

Potzhässlich das Ding am Turm. Erinnert an eine Telefonzelle, da frag ich mich was die da drinnen vorhaben, ist ja fast zwei Stockwerke hoch. Ich frag mich was dem Architekten bei dieser Bausünde durch den Kopf gegangen ist. Authentizität scheint bei der Denkmal"pflege" in Österreich keine Kategorie mehr zu sein. Bleibt nur zu hoffen daß die das Ding dann wieder runterschmeißen.


Torsten - 15-2-2007 um 10:24

Wunderbar, eine verspätete Advebtskerze, doch sicher beluchtet
des Nachts. Für solche Glasbauten habe ich auch ein schönes
Beispiel, allerdings nicht reversibel!

"Ruine" Beilstein/Hessen

http://www.burgenwelt.de/beilstein3/bild1.jpg


martin - 15-2-2007 um 21:07

Super, da können unsere Stararchitekten noch was dazulernen !


Torsten - 15-2-2007 um 22:32

Siehste, wußte doch das es gefällt ;)


chateaufort - 15-2-2007 um 23:33

Bei Thorstens Beispiel, da erinnere ich noch, daß mich ein Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz gefragt habe, was ich davon halte. Gekotzt habe ich, glaube ich, nicht - aber ich kann mich überhaupt nicht daaran erinnern.
Die Sterilität eines Frankfurter Hochhausturmes und eine Burgruine aufs trefflichste vereint.

Zum Hollein: "Alt-Star" kann man vielleicht noch sagen. So'n alberner Hut. Wahrscheinlich wollte er die düstere Wirkung des Kastens sprengen. Nunja, so ist es halt nur optisches TNT. Scheint wenigstens gut detailliert zu sein.

Die Charta von Venedig hat sich ohnehin eher als Pest für den Umgang mit Altbauten erwiesen, weil sie dauernd mißverstanden wird. Der Kontrast zwischen Alt und Neu wird von meinen lieben Kollegen Architekten als Widerspruch (un)ästhetisch überhöht.

Das Gegenbeispiel zu Beilstein wäre hier Thurant (Gem. Alken, Kr. Mayen-Koblenz). Alt und Neu ist eigentlich nicht unterscheidbar, das "Neue" ist immer falsch, das wenige "Alte" aber wurde bei allen durchgeführten Bauarbeiten nie dokumentiert. Bitte nicht mit vollem Magen besuchen, es sei denn Ihr wollt die Burg vollreihern.
Aus größerer Entfernung ist der Gesamteindruck noch erträglich, bei näherer Betrachtung empfiehlt sich eine Sehbehinderung: