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Autor Betreff: mittelalterlicher Gussformen/Magdeburg
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[*] Verfasst am: 3-11-2005 um 22:10
mittelalterlicher Gussformen/Magdeburg



Experten durchleuchten erstaunliche Funde

von Thomas Schöne

Mit einem Computertomographen auf den Spuren mittelalterlicher Gussformen


Halle/dpa. Mit Hilfe eines Computertomographen haben sich Forscher auf die Spuren mittelalterlicher Handwerker begeben und dabei erstaunliche Ergebnisse ans Licht gebracht: Eine vierköpfige Expertengruppe durchleuchtete den weltweit größten und 800 Jahre alten Gussformenschatz, der im April nahe des Magdeburger Doms gefunden worden war. Nach der Untersuchung der Handteller großen Gussformen aus Kalkstein zieht Rüdiger Bähr, Leiter des Lehrstuhls für Gießereitechnik an der Universität Magdeburg, folgendes Fazit über deren Hersteller: «Diese Menschen waren ihrer Zeit um mehrere Jahrhunderte voraus. Ihre Formen wirken wie mit modernster Technik gefertigt.»

Die mittelalterlichen Handwerker verfügten bereits über biegsame Wellen, Fräsköpfe, hochpräzise Spezialbohrer, vergleichbar den heute gebräuchlichen medizinischen Zahnbohrern, sowie Drehbänke. «Sie arbeiteten die Gussformen bis auf den hundertstel Millimeter genau aus.»

Archäologen hatten die 650 Gussformen bei Grabungen in der Abfallgrube einer Werkstatt aus der Zeit um 1250 entdeckt. Auf Grund ihrer Qualität hielten sie sie zunächst für neuzeitliche Formen. «Aber die Stücke fanden wir unter dem Fundament eines mittelalterlichen Hospitals, das im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde», sagt Archäologe und Entdecker Gösta Ditmar-Trauth.

«Die Computerbilder zeigen die genauen Bearbeitungsspuren sowie Reste des Gussmetalls Zinn», sagt der Leiter der Forschungsabteilung der Firma Rautenbach AG (Wernigerode), Hans-Christoph Saewert. «Der Vorteil der Computertomographie ist, dass das Innenleben der Stücke ohne Zerstörungen erforscht werden kann.»

Mit den Gussformen wurden in der Magdeburger Werkstatt kleine Figuren und Modeschmuck aus Zinn für den Massenmarkt in großer Stückzahl produziert. Motive sind unter anderem Ritter zu Pferde, Tiere aber auch Fantasiefiguren, zum Beispiel Wichtel sowie Broschen und Spielzeug in Form von Miniaturkochkesseln, Töpfen und Trinkgefäßen.

«Das Innere der Gussformen ist von einem ausgeklügelten System von Entlüftungskanälen durchzogen und erinnert an das Arterienetz im menschlichen Körper», sagt der Leiter der Restaurierungswerkstatt beim Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, Archäochemiker Christian-Heinrich Wunderlich. «Die Gussformen wurden übereinander gesteckt und mit einem Gussvorgang konnten bis zu 100 Teile gegossen werden.»

Bislang waren die Wissenschaftler immer davon ausgegangen, dass damals nur einfache Einzelstücke oder höchstens Kleinserien gefertigt wurden. «Jetzt müssen wir die Technikgeschichte des Mittelalters neu schreiben», sagt Wunderlich.

Die wissenschaftliche und kunstgeschichtliche Aufarbeitung der Gussformen wird die Forschergruppe noch mehrere Jahre beschäftigen. Damit sich die Öffentlichkeit ein Bild von der Qualität machen kann, wurden mit Hilfe von kopierten Gussformen einige Zinnfiguren nachgegossen. Die Besucher des Landesmuseums in Halle können zum Beispiel passend zum Thema der Sonderausstellung «Saladin und die Kreuzfahrer» als Zinnfiguren einen Ritter auf dem Pferd kaufen.

Quelle: http://www.mz-web.de - 3.11.2005
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