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Autor Betreff: St.Philibert in Tournus ( Burgund )
martin
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[*] Verfasst am: 12-11-2007 um 22:47
St.Philibert in Tournus ( Burgund )



Wann hat man als Österreicher schon einmal die Gelegenheit eine völlig erhaltene Kirche aus dem frühen 11. Jahhundert zu sehen ?
St.Philibert wurde nach einem Großbrand ab 1007 neu errichtet , die Weihe des "Neubaus" fand 1019 statt.
Der Großteil der heute erhaltenen Kirche stammt noch aus dieser Zeit, insbesondere die wuchtige Westfassade mit zwei längsrechteckigen Türmen, dem Nartex ( Vorhalle ) im Erdgeschoss und der zweistöckigen St.Michaels-Kapelle darüber.
Der Turm links ist eine Aufstockung des 12. Jh. die um 1980 stark restauriert wurde.
Um einen Eindruck der Fassade von 1019 zu haben, muß man sich also statt des Turmes ein zweites Giebeldach vorstellen, und den seltsamen Betonbalkon ( immerhin aus dem 14. Jh ) sowie das Portal wegdenken.

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st_philibert_fassade_112.jpg - 51.68kb
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martin
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[*] Verfasst am: 12-11-2007 um 22:50


Der südliche der beiden Westtürme ist noch fast unverändert erhalten.
Schöne Fassadengliederung mit Lisenen, Rundbogenfries, Zahnfries etc.

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st_philibert_fass_074.jpg - 99.48kb
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martin
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[*] Verfasst am: 12-11-2007 um 22:56


Nein, das ist nicht die Kirche, das ist die Kapelle im Westwerk!
Die Raumhöhe beträgt gute 13 Meter.
Auch die Kapelle ist eine dreischiffige Basilika, wobei das Mittelschiff ein Tonnengewölbe hat, die beiden Seitenschiffe sind mit Halbtonnen gewölbt und haben statt Fenstern nur kleine "burgartige" Lichtschlitze.
Die Kapelle ist etwa dreimal so lang wie die beiden Westtürme.

Der Rundbogen in der Mitte ist der Chorbogen zu einem inzwischen abgebrochenen Apsidenerker, der in das Hauptschiff der Kirche ragte.
Dieser wurde durch eine scheußliche Barockorgel ersetzt- eine der wenigen Verschandelungen in dieser Kirche.

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martin
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[*] Verfasst am: 12-11-2007 um 23:11


im Langhaus, einer dreischiffigen Basilika, waren die Seitenschiffe von Anfang an mit Kreuzgratgewölben geschlossen.
An die Einwölbung des breiteren Hauptschiffes wagte man sich erst Ende des 11. jahrhundert.

Da man sich des Problems des Seitenschubes von Tonnengewölben bewußt war, wählte man ein System aus Quertonnen : Dabei hebt sich der Seitenschub zweier Quertonnen gegenseitig auf, der Seitenschub der ersten und letzten Tonne konnte spielend auf das Westwerk und das Querhaus abgeleitet werden.
Weil bei diesem System keine Lasten auf die Seitenmauer abgeleitet werden, konnte man dort sehr große Fenster einbauen, die in dieser frühen romanischen Kirche für fast "gotische" Belichtungsverhältnisse sorgen.
Warum sich dieses Gewölbesystem trotz der offensichtlichen Vorteile nicht durchgesetzt hat bleibt eigentlich unverständlich.

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martin
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[*] Verfasst am: 12-11-2007 um 23:14


So sieht Mauerwerk aus dem 1. Viertel des 11. Jahrhunderts aus .
Im Kirchenführer steht diese sehr treffende Beschreibung :
"Die Kunst des Maurers offenbart sich hier deutlich in kleinen, mit dem Hammer zerschlagenen Steinen, deren Unregelmäßigkeiten sich in dicken Mörtelfugen verlieren".

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martin
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[*] Verfasst am: 12-11-2007 um 23:28


Bei der Krypta ist scheinbar nicht ganz geklärt ob es sich um einen Neubau nach 1007 handelt, oder ob die Krypta noch von dem in diesem Jahr abgebrannten Vorgängerbau stammt.
Jedenfalls ist die Umgangskrypta noch völlig erhalten.
Hier die dreischiffige Halle, mit dem von 10 Säulen getragene Kreuzgratgewölbe.
Für Krytpen typisch die sehr grobe Schalungstechnik.

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Torsten
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[*] Verfasst am: 13-11-2007 um 22:29


Hallo Martin,
die Säulen, besonders die Kapitelle der Krypta sehen
aber im Gegensatz zu der doch sonst sehr grobschlächtigen
und massigen Bauausführung eher wie um 1200 bis 1250 aus.
Könnte es sein, das die Säulen später zugefügt wurden?
Torsten
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martin
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[*] Verfasst am: 13-11-2007 um 23:37


kannst du mir einmal ein Foto von einem Kapitell von 1200-1250 posten, das auch nur annähernd so aussieht ?
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Torsten
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[*] Verfasst am: 14-11-2007 um 06:36


Nö, es war ja auch nur eine Frage.
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chateaufort
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[*] Verfasst am: 14-11-2007 um 16:57


@Torsten,

Du leistest Dir einen massiven Denkfehler, denn"alt" bedeutet nicht zwingend eine unbeholfene Ausführung. Das gilt insbesondere für die karolingische Architektur.

Einige Kritereien (unsortiert):
- Römische Vorbilder (in Trier und geringerem Maße Metz z.B. bis heute erhalten)
- Zweitverwendung älteren, insbesondere römischen, aber auch frühmittelalterlichen Materials in jüngeren Bauten.
- Archaismus, Rückgriff v.a. auf romanische Architekturformen (z.B. in der florentinischen Frührenaissance, aber auch woanders im 15./16. Jh., gerade auch in einem provinziellem Umfeld, wie im Alpengebiet)
- Wiederaufbau zerstörter Bauten in den alten Formen (Kathedrale von Valence, 17. Jh.).

Hier müssen also vielfältige Unterscheidungen vorgenommen werden, was z.T. bis heute oft nicht gelöst ist - etliche Datierungen sind hochumstritten. Chancenlos wird es, wenn Bauten im 19. Jh. stark restauriert wurden, ohne daß die Dokumentation brauchbar war. Das gilt auch für das 20. Jh.


@martin:

Das mit den groben Schalungsbrettern im Bereich der Einwölbungen kenne ich auch von den Türmen des Domes zu Speyer (1. Hälfte bzw. Ende 11. Jh.) und den Treppen im Westbau von Niedermünster am St. Odilienberg im Elsass. Das ist nicht ungewöhnlich, aber in Tournus ist es fast schon übertrieben. Aber warum?

Zum Teil sehr schöne Aufnahmen!

Grüße, chateaufort




"Ein Räthsel, [...] (dessen) Geheimniss sich nur allmählich zu entschleiern beginnt, muss immer wieder vom Forscher neu zu rathen versucht werden. Die beste Vorübung aber erscheint dazu die stets erneute Untersuchung des räthselhaften Objektes selbst." (C[hristian] Mehlis, Zur Dürkheimer Ringmauer, in: Jahresbericht der Pollichia / eines naturwissenschaftlichen Vereins der Rheinpfalz zu Dürkheim a. d. H., Bd. 37-39, 1881, hier S. 71)
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anrro
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[*] Verfasst am: 24-12-2007 um 02:32


hallo zusammen, ich bin neu hier im Forum und nicht aus Österreich, aber interessiert am Thema. Die Abteikirche St.Philibert ist mir wohl bekannt. Zu den Bildern möchte ich folgendes anmerken:

1. Die Westfassade zeichnet sich durch eine zweischichtige Wand mit Lisenen und Rundbogenfriesen aus. Im südwestdeutschen Raum, wo ich herkomme würde man sagen "typisch Salisch", ähnliches findet sich z.B. beim Speyrer Dom oder der Klosterruine Limburg bei Bad Dürkheim (Pfalz). In Österreich sind mir vergleichbare Bauten nicht bekannt, vielleicht kann ja jemand hier im Forum Beispiele nennen. Aber diese Wandgliederung findet sich im 11.Jh. quer durch Europa.

2. Die Kapelle im Westbau erscheint auch "typisch salisch", abgesehen von der Tonnenwölbung fühle ich mich an Elsässische Kirchenbauten des 11.Jh. erinnert, was die Tonnenwölbung betrifft eher an Bauten in den Pyrenäen, die früheste, ins 10.Jh. datierte: St. Martin de Canigou - (in Tournus übrigens wurde offenbar die Tonne ziemlich wild über ein Gerüst gemauert, auf dem von Martin angehängtem Bild ist das leider nicht zu realisieren, und ich bin augenblicklich - noch - nicht in der Lage, meine eigenen Bilder zu digitalisieren) aber es gibt sie ja auch mehrfach in Burgund...
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martin
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[*] Verfasst am: 24-12-2007 um 14:07


Hier noch ein Foto des "wild gemauerten" Tonnengewölbes über der Kapelle im Westwerk.

martin hat dieses Bild als Anhang hinzugefügt:
st_philibert_gew_102.jpg - 75.44kb
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